Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter. WikiLeaks blamiert zuerst eine Weltmacht und dann sich selbst. Blogger prangern einige wenige, bis dahin unbeachtet gebliebene Sätze des Bundespräsidenten an und forcieren im Verbund mit klassischen Massenmedien seinen Rücktritt.

Politiker stürzen über Plagiate, die sich im Netz detailgenau dokumentieren lassen.

Was einmal im digitalen Raum kursiert, kann eines Tages gegen uns eingesetzt werden. Der Kontrollverlust ist mittlerweile eine omnipräsente Alltagserfahrung, eine Signatur des digitalen Zeitalters. Aus Unbekannten werden ungewollte Medienstars, aus scheinbaren Nichtigkeiten Skandale.

Die Entstehung von Skandalen ist unkontrollierbar. Zuletzt kann der Kontrollversuch den totalen Kontrollverlust bedeuten. Um diesen Aspekt des digitalen Zeitalters zu überwinden muss der Mensch hinter der Maschine wiederentdeckt werden. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen über das gemeinsam mit Hanne Detel verfasste Buch “Der entfesselte Skandal“. Quelle: Deutschlandfunk

„Skandal für alle!“ titelt Tina Groll in Zeit Online: Die Art, wie Skandale entstehen und sich verbreiten, hat sich durch das Netz verändert. Zum Beispiel der Rücktritt von Horst Köhler: Köhler gab dem Deutschlandradio auf der Rückreise von einem Afghanistan-Besuch im Mai 2010 ein weitgehend unbemerktes Interview, in dem er sich missverständlich über militärische Auslandseinsätze und Wirtschaftsinteressen äußerte. Ein Tübinger Student hörte das Interview und empörte sich. Er twitterte seine Kritik und verschickte Mails an überregionale Medien. Als dann noch ein Blogger feststellte, dass die kritische Passage in der transkribierten Textfassung online nicht mehr zu finden war, kam der Verdacht von Manipulation auf. Andere Blogger griffen den Fall auf. Bald schon kursierten Verschwörungstheorien, Journalisten griffen das Thema auf. Der Skandal wurde zur Top-Story. Köhler entschloss sich kurz darauf zum Blitzrücktritt.

Ole Reißmann in Spiegel Online: „Der entfesselte Skandal“ ist eine Bestandsaufnahme unserer modernen Kommunikationswelt, in der praktisch jeder Opfer eines Skandals werden kann, nicht nur ein Prominenter oder Machthaber wie früher einmal. Die gierige Öffentlichkeit verliert dabei schon Mal das Maß – Hauptsache, sie wird unterhalten. Jeden Tag platzieren Journalisten und andere Medienschaffende dutzende Vorschläge für Aufreger. Gleichzeitig sinkt die Halbwertszeit, an den Skandal von heute Vormittag können wir uns Abends schon fast nicht mehr erinnern. Google schon.

„Skandal im Netzbezirk“, Matthias Eckoldt im Deutschlandfunk: Der moderne Mensch hat jederzeit zu gewärtigen, dass seine Handlungen von anderen als skandalträchtig eingeschätzt und im großen, globalen Stil internetweit ausgewertet werden. Auf diese Weise entsteht eine neue Form des Tugendterrors. Also gilt im Zeitalter des Web 2.0: Handele stets so, dass dir die öffentlichen Effekte deines Handelns langfristig vertretbar erscheinen. Aber rechne damit, dass dies nichts nützt. Dieses sarkastische Aperçu steht am Schluss des Buches „Der entfesselte Skandal“. Für Bernhard Pörksen und Hanne Detel stellt er den kategorischen Imperativ der modernen Mediengesellschaft dar, einer Turbo-Kommunikationsgesellschaft, die auf allen verfügbaren Kanälen sendet. Ob E-Mail, ob Twitter, ob Facebook, ob Blogs, ob YouTube. Auf den digitalen Datenbahnen kursieren Informationen in einem noch nie da gewesenen Ausmaß. Das fundamental Neue sehen die Autoren jedoch noch nicht einmal in der Datenflut, sondern in der extrem niedrigen Einstiegsschwelle, die durch die Natur der digitalen Medien gegeben ist.

Michael Seemann, Carta: Das Buch hält sich bei aller Detailtreue und analytischen Schärfe angenehm mit einer abschließenden Wertung zurück. Es zeigt die positiven Beispiele der neuen, unkontrollierbaren Öffentlichkeit wie Guttenplag und Wikileaks ebenso wie die negativen. Das Buch versucht eben nicht, wie so viele andere, den Untergang des Abendlandes auszurufen, sondern stellt erst einmal nur fest, erzählt, beschreibt und analysiert. Und tatsächlich reicht das vollkommen.

In die falschen Kanäle gelangte Fotos und Handyvideos, SMS-Botschaften und Twitter-Meldungen beenden Karrieren und werden zu global zirkulierenden Beweisen eines Vergehens, die sich nicht mehr aus der Welt schaffen lassen. Immer mehr Daten lassen sich immer leichter verknüpfen, rekonstruieren, dauerhaft speichern – und eines Tages in öffentliche Dokumente der Diskreditierung verwandeln, die sich nicht mehr nur gegen Mächtige und Prominente, sondern auch gegen Ohnmächtige und gänzlich Unbekannte richten. Blitzschnell sind im digitalen Zeitalter Transparenz und Aufklärung möglich – und in rasender Geschwindigkeit verbreiten sich Falschmeldungen, bilden sich Wut- und Empörungsgemeinschaften, die mit Schicksalen auf einer weltweit sichtbaren Bühne spielen. Dieser glänzend geschriebene, materialreiche Essay ist eine Provokation. Zur Debatte steht die Diagnose der Autoren: Der Skandal ist kein Distanzereignis mehr, sondern hat unser aller Leben erreicht. (Klappentext: Herbert von Halem Verlag)

Über die Autoren:

Bernhard Pörksen, Jg. 1969, war sechs Jahre lang als Professor für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Hamburg tätig und ist heute Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Er studierte Germanistik, Journalistik und Biologie in Hamburg und den USA (Pennsylvania State University), volontierte beim Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt und arbeitet seit über zehn Jahren als Journalist und Buchautor. Essays und Kommentare, Reportagen und Interviews erschienen in vielen Tages- und Wochenzeitungen.

Hanne Detel, Jg. 1983, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienwissenschaft der Universität Tübingen. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Medium-Theorien und Mediatisierungsforschung, das Social Web, Skandalisierung und (ungewollte) Prominenz im digitalen Zeitalter. In Hamburg und Stellenbosch (Südafrika) studierte sie – gefördert von der Studienstiftung des deutschen Volkes – Journalistik und Kommunikationswissenschaft, Öffentliches Recht sowie Osteuropastudien. Parallel dazu absolvierte sie die Journalistenausbildung der Konrad-Adenauer-Stiftung und arbeitete für die Deutsche Presse-Agentur (dpa).

Bernhard Pörksen, Hanne Detel, Der entfesselte Skandal, Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter, Herbert von Halem Verlag, Köln 2012, € 19,80.

Bernhard Hauff

Medienjournalist, München, eMail: bernhard.hauff[at]media-news-blog.de

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