“Wie subjektiv darf Journalismus sein”. Die Frage ist ein Dauerbrenner in der Ausbildung und polarisiert. Journalisten sehen und beschreiben. Damit ist Subjektivität Teil der Arbeit.

In der Auseinandersetzung um “Subjektivität im Journalismus”, besonders im Zusammenhang mit Journalisten-Blogs, finde ich gut, dass Katrin Vetters Hans-Joachim Friedrichs zitiert, dessen Ausage “Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er Distanz zum Gegenstand seiner Berichterstattung hält, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache; dass er immer dabei ist, aber nie dazugehört.”

In einem Antwort-Kommentar zum Beitrag “Dürfen Journalisten bloggen?” schreibt Katrin Vetters in #JournalistBlog: “…ich kann mir vorstellen, dass die Frage “Dürfen Journalisten bloggen?” Nicht-Journalisten und vor allem Jüngere irritieren muss. Der Hintergrund dieser merkwürdigen Frage ist das vielleicht teilweise überlebte Berufs-Ethos, das Hanns-Joachim Friedrichs in das inzwischen geflügelte Wort packte…/…Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten. Wie subjektiv darf Journalismus sein? 

Wenn man für eine und in einer Redaktion arbeitet, wird das entweder vorgegeben oder ausdiskutiert. Als BloggerIn aber muss ich das ganz für mich allein entscheiden”. Katrin Vetters, Kommentar vom 27.07.2013, #journalistblog. Hajo Friedrichs war seinerzeit ein ganz Großer, ich habe ihn früher bewundert. Zum Thema “Kommentar” hat er aber auch geschrieben: “Meinungsjournalismus ist eine feine Sache, wenn er nicht so tut, als ob er ein Stück Berichterstattung sei” (Aus Journalistenleben, Hans-Joachim Friedrichs, Der Kommentar, 1994, Droemer-Knaur). Sicher, beim Kommentar sind die Regeln klar. Blogs “kommentieren” vielfach. Friedrichs kannte noch keine Blogs, vielleicht wäre er heute auch Blogger? Zu seiner Zeit, war die Trennung zwischen “Kommentar” und “Nachricht” eine Frage der Ethik und Dogma.

Riehl-Heyse: „Ich glaube überhaupt nicht, dass die öffentliche Aufgabe der Tageszeitung zwangsläufig an die so genannte Objektivität gebunden ist – im Gegenteil, wenn ich diese Aufgabe der Presse recht verstehe, so besteht sie in verschiedenen Funktionen: Informations-, Artikulations-, Kontroll-Funktion. Alle drei würden von einer Zeitung, deren oberstes Prinzip die Herstellung völliger Objektivität wäre, nicht erfüllt und zwar vor allem deshalb, weil sie dem Leser vormacht, dass es die chemisch reine Objektivität gäbe, dass die Welt genauso funktioniere, wie sie in solchen Zeitungen erscheint als Nachricht.“

Deshalb „bin ich sicher, dass die vorsätzliche Subjektivität des Beschreibenden für den Leser hilfreicher und ehrlicher ist. Hilfreicher, weil er auf diese Weise Dinge erfahren kann, die in einer ‚objektiven’ Nachricht schon aus lauter Vorsicht nicht unterzubringen wären, ehrlicher, weil der Autor erst gar nicht den Eindruck zu vermitteln versucht, er schreibe die einzig wahre, gültige Geschichte über diesen oder jenen politischen, kulturellen, gesellschaftlichen Vorgang. Ideal wäre es in diesem Sinne, wenn der Leser am Schluss des Artikels genau wüsste, dass er nichts anderes gelesen hat, als die ganz persönliche Sicht eines bestimmten Schreibers, und dass er es trotzdem nützlich fand, sich gerade mit dieser Sicht auseinanderzusetzen.“
(Herbert Riehl-Heyse zitiert nach Petra E. Dorsch: Objektivität durch Subjektivität? Ein Gespräch mit dem Reporter Herbert Riehl-Heyse. In Wolfgang R. Langenbucher (Wikipedia): Journalismus & Journalismus. München 1980, Seiten 97–105, hier Seite 100f.)

Für den Kommentar in den ARD-Tagesthemen, im ZDF-heute-Journal oder in den Kommentaren auf den ersten Seiten der großen Zeitungen gilt auch der Grundsatz der “objektiven Subjektivität”. Heribert Prantl sagt in einer Ankündigung zu seinem “Kurs des Kommentierens” an der Schweizer Journalistenschule MAZ: “Viele kommentierende Texte scheitern daran, dass sich die Autoren auf ihre Gefühle verlassen, anstatt recherchierend einer Fährte zu folgen, um so auf eine wirklich haltbare These zu stossen.” (Quelle: → MAZ, Die Schweizer Journalistenschule). Zwei Kurse im März 2014 sind ausgeschrieben. Kurt Kister hat zum Thema schon vor vier Jahren geschrieben: “Jede Form des Journalismus ist subjektiv… / Kein Ernest Hemingway, kein Ryszard Kapuściński und schon gar kein Egon Erwin Kisch haben zwischen Meinung und Nachricht getrennt.” (Quelle: Süddeutsche Zeitung Magazin, 19/2009, → H wie Haltung Jede Form des Journalismus ist subjektiv. Das heißt aber nicht, dass man einfach drauflosschwatzen sollte,von Kurt Kister).

Kurt Kister zitiert in seinem oben erwähnten Beitrag für das SZ-Magazin u.a. Ryszard Kapuściński, den “Meister im Überschreiten von Grenzen” (Thomas Steinfeld, Süddeutsche Zeitung). Kapuściński kultivierte die Reisereportage in den Zeiten des Kalten Krieges und gehörte zu den Großmeistern seiner Zunft. Um die “Dinge hinter den Dingen” verständlich zu machen musste er viele “Grenzen überschreiten”, dabei blieb er immer glaubhaft.

Dominik Reinle schreibt für das Goethe-Institut über Hardy Prothmann, der mit dem “Heddesheim-Blog” den Lokaljournalismus neu definiert hat: “Prothmanns Alternative lautet „subjektiver Journalismus“. Darunter versteht der 43-Jährige, der über 20 Jahre als freier Journalist unter anderem für die Zeit, den Spiegel, die Süddeutsche Zeitung und verschiedene ARD-Hörfunkprogramme gearbeitet hat, einen Gegenentwurf zum vermeintlich objektiven Journalismus. Statt zwischen den Zeilen eine Meinung zu transportieren – so sein Vorwurf –, setze er in seinen Blogs auf eine subjektive Bewertung der mit professionellem Handwerk dargestellten Fakten.” Quelle: Goethe-Institut, Internet und Medien, Trends, → Wider den „Bratwurst-Journalismus“ – das Heddesheim-Blog, Juni 2010, Dominik Reinle. Ich habe Hardy Prothmann als Journalist mehrfach persönlich erlebt und kann die These Reinles bestätigen. Prothmann’s Erfolg liegt im subjektivem Journalismus. In seiner Professionalität ist er ein Großmeister und ein Glücksfall für den “Neuen Lokaljournalismus”. Bei Hardy Prothmann ist Subjektivität Dramaturgie.

Die Journalistik lehrt auch heute noch, was zu den sogenannten kommentierenden Stilformen gehört: der Leitartikel, die Glosse, Lokalspitze, Rezension, Kritik und die Kolumne. Das glaubt Marco Herack (FAZ-Blog “Wostkinder”) schon lange nicht mehr. Der Finanzmarktanalyst und gelegentliche Publizist schreibt “Journalisten sind schon länger keine Verkünder mehr, sie degenerieren zu einem Teil des Ganzen…/…Peer Steinbrück scheitert kläglich am Klartext und belustigt die Massen. Dabei lernen wir sehr viel über den neuen Journalismus im Netz und die narzistischen Abgründe unserer Gesellschaft.” Quelle: Frankfurter Allgemeine, Online-Ausgabe, Blogs, → Journalismus im Netz: Über die Entwirklichung unserer Kommunikation, 18.08.2013, Marco Herack.

Auch der West-Kritiker Herack teilt aus. Beispiele: “Diese Art des Denkens ist kein Einzelfall. Weder in der SPD noch in der CDU. Würden diese Westmenschen sich ernsthaft mit der Lebensrealität der Ostdeutschen beschäftigen, dann müssten sie sehr schnell erkennen, dass viele Ostdeutsche, gerade aus der Generation Merkel, flammende Europäer sind. Nicht zuletzt deswegen, weil sie die Art und Weise der Wiedervereinigung als so dermaßen düpierend empfanden, dass sie mit den Westdeutschen nichts zu tun haben wollen. Sie fühlen sich für Deutschland nicht zuständig und wenden sich lieber dem europäischen Gedanken zu.” Quelle, → Journalismus im Netz: Über die Entwirklichung unserer Kommunikation, 18.08.2013, Marco Herack.

Der “europäische Gedanken” hat mit Deutschland nichts zu tun. Bemerkenswert. Aber gerade die Subjektivität des FAZ-Blog-Beitrags von Marco Herack macht ihn lesenswert und stimmt nachdenklich. Ich teile nicht seine Auffassungen, denke aber darüber nach.

Beitrag zum Thema:
Eugen Epp, Message, Zeitschrift für Journalismus, Objektivität im Journalismus: Ende einer Illusion. „Ein guter Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten“ – dieses Credo der Tagesthemen-Legende Hanns Joachim Friedrichs galt lange als ehernes Gesetz des deutschen Journalismus. Wie stehen Journalisten heute zum Thema Objektivität? → weiterlesen (Message)

Knut Kuckel

Journalist (Radiojournalismus). Berufliche Stationen: Belgischer Rundfunk (BRF), Südwestrundfunk, SWR, Hessischer Rundfunk (hr).
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