Die Snowden-Enthüllungen im Sommer 2013 hätten einen Bewusstseinsprozess in Gang gesetzt, der dazu führen könne, so Michael Haller, “dass die Tageszeitung wieder an Geltung zurückgewinnt”.

Zur Begründung zitiert Haller in der Einleitung seines Buches “Brauchen wir Zeitungen?” einen Aufruf von 560 Schriftstellern und Wissenschaftlern im Dezember 2013: »Die Demokratie verteidigen im digitalen Zeitalter!

Hallers Publikation stützt sich auf zehn Jahre Zeitungsqualitätsforschung und trägt den bemerkenswerten Untertitel »Zehn Gründe, warum die Zeitungen untergehen. Und zehn Vorschläge, wie dies verhindert werden kann.«

Michael Haller: “Der fatale Zeitungspessimismus, der dem Gesetz der selbsterfüllenden Prophezeiung folgt, und das große Kaffeesatzlese-Palaver des Sommes 2013 motivierten mich, dieses Buch zu schreiben. Sein Thema sind nicht >die< Tageszeitungen, sondern die Regionalzeitungen”. Nicht die Blickstarre auf das Internet, sondern die Überzeugung, dass die Krise der Regionalzeitungen nicht “naturnotwendig, sondern handgemacht” sei, ergänzt der Autor.

“Zeitungen wird es noch lange geben – aber nicht mehr so viele” schrieb ich noch im Oktober 2013 in „Journalisten-Bloggen“ (inzwischen eingestellt): “Kein Zeitungsverleger hat jemals gegen seine eigenen Interessen geklagt. Ganz im Gegenteil, denen schadet er nur, wo er kann. ” Michael Haller im gleichen Kontext: “Polemisch zugespitzt: Wenn die Gattung Regionalzeitung untergehen sollte, dann hätten dies die Eigentümer – die Zeitungsverlage – selbst verschuldet.”

Haller wäre nicht Haller, wenn er – wie ich – so etwas aus einem “Bauchgefühl” heraus formulieren würde. Deshalb habe ich sein Buch der → edition medienpraxis inzwischen auch mit Interesse gelesen.

Zeitungsforscher Haller unterscheidet zwischen überregional verbreiteten Tageszeitungen und Regionalzeitungen. Die Boulevardpresse klammert er aus dem direkten Vergleich aus, weil die über den Straßenverkauf “anders funktioniert und anderen Einflussfaktoren unterworfen ist, die auf die abonnierte Tagespresse nicht übertragbar sind (und umgekehrt)”.

Die “Zeitung” ist von vielen Schwarzmalern in den vergangenen Jahren bereits für tot erklärt worden. Das Zeitungssterben sei eine deutsche Realtität, schrieb Thomas Knüwer in seinem Blog “Indiskretion Ehrensache” schon im April 2011. Die Schweizer Medienkritik veröffentlichte, unter Bezug auf einen Beitrag des NDR-Medienmagazins “Zapp“, eine ausführliche Link-Liste zum Thema und titelte den Beitrag “Herbst im Laubwald: Zeitungssterben.“

Ein paar Kostproben gefällig? Bitte, gerne: ORF-Anchorman Armin Wolf fragt sich auf Spiegel Online, ob die Smartphones die Zeitungen aus den Cafés verdrängen (9. August 2013). Die Zukunft des Journalismus – Das heilige Versprechen (Frank Schirrmacher in faz.net vom 26. November 2012). Den Systemwechsel zu Ende denken (Nick Lüthi am 23. November 2012 in der Medienwoche). Kollege Lüthi zitiert in seinem Beitrag in der Medienwoche die Schweizer SP, die mit einer Werbeabgabe und einer «Google-Steuer» die Presseförderung im eigenen Land beleben wollte.

Aufmerksamkeit erhielt im Frühjahr dieses Jahres auch der österreichische Journalist Michael Fleischhacker für seinen, in Buchform gedruckten “Nachruf auf die gedruckte Zeitung“, in dem er konsequent die “Zeitung für tot” erklärte.

Michael Haller ist weniger voreilig und verrät die Kernbotschaft seines Buches: “Die Zukunft der Regionalzeitungen hängt wesentlich davon ab, ob die Redaktionen in ihrem Rollen- und Funktionsverständnis den Sprung von den 1980er-Jahren in unsere nachmoderne Ära schaffen. Ob sie, mit anderen Worten, den Perspektivenwechsel – weg von der Sicht der Machtträger und der Institutionen, hin zur Alltags- und Erfahrungswelt (vor allem) der jüngeren Erwachsenen – vollziehen können”.

Sein Buch wolle helfen, bei der damit verbundenen Umorientierung Akzente zu setzen. Für die journalistische Berufsrolle eine große Herausfordernung, so Haller.

Es scheint so zu sein, wie viele in jüngster Zeit unken, dass der Journalismus an Vertrauen verliert. Im Ansehen steht der Journalist, hinter dem Politiker, ganz unten in der Bewertungsskala. Journalisten seien “Selbstdarsteller” liest man häufig, die ihre “eigenen Bedürfnisse” durchsetzen wollen.

Dazu zitiert Michael Haller seine Kollegen Weischenberg und Russ-Mohl: “Die selbstverliebte Erzählerpose wird derzeit von vielen jüngeren Printleuten als neue Haltung des postindustriellen Journalismus gefeiert, so, als ginge die aktuelle Medienkrise auf die Fantasielosigkeit der Blattmacher oder einen Mangel an aufregenden Erzählstücken zurück. Manche behaupten dies tatsächlich – und zeigen mit ihrer ganz schön naiv wirkenden Realitätsferne, woran es wirklich hapert: an Augenmaß, Bescheidenheit und Wissen darüber, dass der Journalismus im Internetzeitalter nicht die selbst erfundenen, sondern die ihm zugewiesenen Aufgaben kompetent und erfolgreich erfüllen soll” (s. dazu auch im Rahmen der Journalismusdebatte – Sterben die “Souffleure der Mediengesellschaft” langsam aus?).

Haller baut in seinem Buch “Brauchen wir Zeitungen?”nicht nur viele Spannungsbögen auf, er gibt sich vor allem die Mühe nicht zu polemisieren. Er zeigt in der Tat, wie in seiner Einleitung angekündigt, Wege aus dem Dilemma auf. Wenngleich sich für viele, auch namhafte Zeitungen, die Dinge bereits geregelt haben, zeichnet er für all die anderen guten Chancen auf, dem “Zeitungssterben” erfolgreich zu entkommen. Dazu gehören durchaus konstruktiv gemeinte, kritische Ansätze. Beispielsweise über das “System Journalismus” oder dem “Zeitungsjournalismus im Besonderen”.

Haller attestiert den Blattmachern zahlreiche Qualitäten, die im Verständnis wohl manchem Medienkritiker abgehen. Bei ihm ist Qualitätsjournalismus messbar, woraus er u.a. folgert, es gebe keinen Grund zur “Panik auf der Kommandobrücke”. Gerade für die “Gattung Regionalzeitung”, die in den Augen vieler Zeitungsleute den Ruf habe “unspektakulär” zu sein. Haller verzichtet auf jede Form von “bashing”, zeigt aber unmissverständlich Fehler auf. Die meisten sind hausgemacht.

Wer ist schuld am Reichweitenschwund? Wie macht man sich selbst entbehrlich? Wofür brauchen junge Erwachsene Zeitungen? Aber auch Themen wie “Sparpotenziale kontra Angebotsqualiät” oder die “missverstandene Entschleunigung” werden im weiterführenden Sinne untersucht.

Haller bekennt, für jede Tageszeitung sei der Lokaljournalismus noch immer die “Königsdisziplin”. Hier könne sie zeigen, wie man die “Kunst der Nähe beherrschen kann” ohne sein Publikum zu verärgern.

Ich möchte Sie neugierig machen auf Michael Hallers Publikation “Brauchen wir Zeitungen?”. Lesen lohnt sich. Lassen Sie mich gelegentlich wissen, ob Sie das nach der Lektüre auch so empfunden haben.

Michael Haller, Brauchen wir Zeitungen?, Zehn Gründe, warum die Zeitungen untergehen. Und zehn Vorschläge, wie dies verhindert werden kann., → edition medienpraxis, 2014, 248 Seiten. Preis zurzeit im Halem-Verlag: 18,00 Euro (ohne Gewähr).

Der Autor:

Michael Haller, Prof. Dr. phil., geboren 1945, war während 25 Jahren als Journalist in leitender Funktion in verschiedenen Medien des deutschen Sprachraums tätig. Von 1993 bis zu seiner Emeritierung Ende 2010 hatte Haller den Lehrstuhl für Journalistik an der Universität Leipzig inne. Er ist wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Praktische Journalismus- und Kommunikationsforschung in Leipzig und Leiter der Journalismusforschung an der Hamburg Media School. Hauptforschungsgebiete: Redaktions- und Qualitätsforschung sowie journalistische Methoden und Berufsethik. Er ist Gründungsherausgeber von → Message, Internationale Zeitschrift.

Weblink zum Thema “Zeitungsdebatte”:
Michael Haller, “Diagnose: Fehldiagnose”, eine sachverständige Analyse der Probleme des Patienten Zeitung, aus dem Spiegel-Online-Blog “2020 – Die Zeitungsdebatte”, 18.08.2013

Knut Kuckel

Journalist (Radiojournalismus). Berufliche Stationen: Belgischer Rundfunk (BRF), Südwestrundfunk, SWR, Hessischer Rundfunk (hr).
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