Im November 2015 wird Can Dündar verhaftet. Ihm wird Spionage und Verrat von Staatsgeheimnissen vorgeworfen. Sein Vergehen: Er hat die Waffenlieferung des türkischen Geheimdienstes nach Syrien aufgedeckt.

Staatspräsident Erdoğan stellt persönlich Strafanzeige und fordert lebenslange Haft. Die deutsche Übersetzung des Buches nimmt das Strafmaß in den Titel: „Lebenslang für die Wahrheit“. 

Im Türkischen heißt das Gefängnistagebuch, das Dündar handschriftlich auf „Bedarfsscheine“ für Alltagsgegenstände notierte, schlicht „Tutuklandık“, Verhaftet.

Für Dündar und seinen ebenfalls weggesperrten Ankara-Korrespondenten Erdem Gül gab es eine große Solidaritätswelle.

Recep Tayyip Erdoğan ist bei Dündar oft nur der „Palast“ oder der „Thron“, erst am Ende spricht er ihn direkt an, in einem bitter-ironischen Brief. Darin bedankt sich der Journalist dafür, dass ihm Erdoğan, der ihn persönlich angezeigt hatte, damit eine große Bühne bereitet hat.

„Da ich über kein von Ihnen abgehörtes Telefon mehr verfügte, las ich Bücher, die ewig liegen geblieben waren“, und „schrieb sogar unbekümmerter, da ich nicht mehr die Verhaftung durch Sie zu fürchten hatte“.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, Dündar hat die Türkei verlassen:  „Jeder weiß, wo ich bin und was ich mache. Die Strafe ist noch nicht rechtskräftig und deshalb lebe ich nicht auf der Flucht.“ In einem Gespräch mit dem Deutschlandradio Kultur sagte Can Dündar: „Für mich wurde sogar zweimal lebenslänglich verlangt, da sagte ich: Einmal schaffe ich, aber dann bräuchte ich eine Reinkarnation, um die zweite Strafe absitzen zu können.“

Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk: „Can Dündar ist ein sehr mutiger Journalist.“ Der bekannteste Gegenspieler Erdoğans sei zum Sprachrohr der demokratischen, westlich orientierten Türkei geworden.

Dündars Angaben zufolge sind zurzeit 220 Journalisten in der Türkei in Haft. „Wir verbringen mehr Zeit in Gerichtssälen als im Newsroom.“ Die Arbeitsbedingungen für Journalisten seit dem Putschversuch, hinter dem er auch die Gülen-Bewegung sieht, hätten sich verschärft: „Es ist heute sehr schwierig, die Öffentlichkeit unter den Bedingungen des Ausnahmezustandes zu informieren. Man kann alles schreiben, solange man bereit ist, den Preis zu zahlen. Der Preis kann sehr hoch sein: Gefängnis oder Tod.“

Hasnain Kazim in Spiegel Online: Das Buch zeugt von Haltung und journalistischem Mut. Es ist ein zeitgeschichtliches Dokument und zugleich eine finstere Momentaufnahme vom Zustand der Türkei. „Lebenslang für die Wahrheit“ ist ein spannend geschriebener Report über das, was ihm widerfahren ist – und zugleich ein trauriges Buch, denn das ist keine Fiktion, sondern bittere Realität für Dündar und für viele Menschen in der Türkei, die es wagen, die Mächtigen zu kritisieren.

„Die Demokratie hat große Wunden bekommen“, sagt der türkische Journalist Can Dündar im ZDF heute journal zur Situation in der Türkei nach dem Putschversuch im Juli. Dennoch, so Dündar, seien EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei wichtig für beide Seiten. Es sei gefährlich, die Türkei zu isolieren.

Claus Kleber führt im ZDF heute Journal ein Interview mit Can Dündar. Claus Kleber sagt abschließend: „Can Dündar hat im Gefängnis auf winzigen Papierschnipseln ein Buch aufgeschrieben, das heute auf deutsch erscheint. Lebenslang für die Wahrheit heißt es. Ein erstaunlicher Text – auch deutschen Journalisten empfohlen, die sich für mutig halten, wenn sie mal was Freches bringen gegen die Kanzlerin, oder noch viel gefährlicher, gegen den Landrat.“

Can Dündar, Lebenslang für die Wahrheit, Aufzeichnungen aus dem Gefängnis, Verlag Hoffmann und Campe, ISBN 978-3-455-50424-8 304 Seiten

Zum Hören: B5, Bayerischer Rundfunk: „Lebenslang für die Pressefreiheit“, Buchbesprechung Can Dündar, Ein Beitrag von: Linß, Vera

Knut Kuckel

Journalist (Radiojournalismus). Berufliche Stationen: Belgischer Rundfunk (BRF), Südwestrundfunk, SWR, Hessischer Rundfunk (hr).
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