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Friedenspreisträgerin Carolin Emcke – „Gegen den Hass“

Foto: Sebastian Bolesch 2011
Foto: Sebastian Bolesch 2011

Die Journalistin und Publizistin Carolin Emcke wurde in diesem Jahr mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt.

Der Preis wird seit 1950 im Rahmen der Frankfurter Buchmesse vergeben und ist mit 25 000 Euro dotiert. „Das Werk von Carolin Emcke wird somit Vorbild für gesellschaftliches Handeln in einer Zeit, in der politische, religiöse und kulturelle Konflikte den Dialog oft nicht mehr zulassen“, heißt es in der Begründung der Jury. „Mit analytischer Empathie appelliert sie an das Vermögen aller Beteiligten, zu Verständigung und Austausch zurückzufinden.“

„Zur Zeit grassiert ein Klima des Fanatismus und der Gewalt in Europa. Pseudo-religiöse und nationalistische Dogmatiker propagieren die Lehre vom »homogenen Volk«, von einer »wahren« Religion, einer »ursprünglichen« Tradition, einer »natürlichen« Familie und einer »authentischen« Nation. Sie ziehen Begriffe ein, mit denen die einen aus- und die anderen eingeschlossen werden sollen. Sie teilen willkürlich auf und ein, wer dazugehören darf und wer nicht. Sie stehen vielleicht nicht selbst auf der Straße und verbreiten Angst und Schrecken, die Populisten und Fanatiker der Reinheit, sie werfen nicht unbedingt selbst Brandsätze in Unterkünfte von Geflüchteten, reißen nicht selbst muslimischen Frauen den hijab oder jüdischen Männern die Kippa vom Kopf, sie jagen vielleicht nicht selbst polnische oder rumänische Europäerinnen, greifen vielleicht nicht selbst schwarze Deutsche an – sie hassen und verletzen nicht unbedingt selbst. Sie lassen hassen.“

In ihrem neuen Buch „Gegen den Hass“ schreibt Carolin Emcke gegen den religiösen und nationalistischen Fanatismus an – und setzt ein Menschenbild der Vielfalt entgegen. Wenn es um Rassismus und die Herabsetzung von Minderheiten geht, sei es Pflicht der Zivilgesellschaft zu widersprechen, verlangt sie.

Carolin Emcke im Vorwort: „Es wird offen und hemmungslos gehasst. Mal mit einem Lächeln im Gesicht, mal ohne, aber allzu oft schamlos. Die Drohbriefe, die es anonym schon immer gab, sind heute mit Namen und Adresse gezeichnet. Im Internet artikulierte Gewaltphantasien und Hasskommentare verbergen sich oft nicht mehr hinter Decknamen. Hätte mich vor einigen Jahren jemand gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, dass jemals wieder so gesprochen würde, in die dieser Gesellschaft? Ich hätte es für ausgeschlossen gehalten.“

„Der Hass sucht sich seine Objekte“, sagte die Autorin im Gespräch mit Christian Rabhansl in „Tacheles“ im Deutschlandradio Kultur am 22. Oktober dieses Jahres. Zur Frage „Was macht Ihnen Sorge?“ antwortet Carolin Emcke: „Natürlich mache ich mir Sorgen, dass, wenn man ein solches Buch schreibt, dass man ab dem Tag der Veröffentlichung mit Hasspost überschüttet wird und dass man Vergewaltigungsandrohungen bekommt und Morddrohungen bekommt. Natürlich ist im Moment – und das betrifft nicht nur mich, sondern sehr viele Menschen – eine verrohte, wirklich entgrenzte Aggression im öffentlichen Klima. Das macht mir schon Angst.“

„Nach ihrer Festrede entlud sich ein Gewitter aus negativen Kommentaren über Emcke, das in dieser Wucht und Häme überraschend kam“, schreibt Konrad Kögler in „Das Kulturblog„. „So viel Wirbel gab es seit Martin Walsers Räsonieren über Auschwitz als „Moralkeule“ 1998 und seiner anschließenden Kontroverse mit Ignatz Bubis lange nicht mehr nach einer Friedenspreis-Rede, die meist als Sonntagsreden schnell abgetan und abgeheftet wurde.

„Freiheit ist nichts, das man besitzt, sondern etwas, das man tut“, proklamierte die Publizistin. Sie appellierte an jeden, sich in die Welt einzuschalten. „Wir dürfen uns nicht wehrlos und sprachlos machen lassen.“ Allein sei dies zwar nicht möglich, räumte die 49-Jährige ein. „Dazu braucht es alle in der Zivilgesellschaft. Demokratische Geschichte wird von allen gemacht.“

Carolin Emcke hält den Kampf für eine offene Gesellschaft für eine Aufgabe aller, nicht nur für jene, die der Hass gerade trifft. „Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem immer nur Schwarze sich wehren gegen Rassismus und in dem nur Schwule und Lesben sich wehren gegen Homophobie, in dem nur Juden und Jüdinnen dem Antisemitismus widersprechen“, sagt sie, „sondern ich möchte in einem Land leben, in dem Heterosexuelle meine Rechte verteidigen, in dem ich möglicherweise auch das Recht, ein Kopftuch zu tragen verteidigen kann.“

Carolin Emcke, Essay „Gegen den Hass“, erschienen am 13. Oktober 2016 im S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main. „Für alle, die überzeugende Argumente und Denkanstöße suchen, um eine humanistische Haltung und eine offene Gesellschaft zu verteidigen.“

Die Autorin:
Carolin Emcke (@C_Emcke), geboren 1967 in Mülheim an der Ruhr, hat Philosophie, Politik und Geschichte in London, Frankfurt am Main und Harvard studiert. Als Journalistin berichtete sie aus Krisen- und Kriegsgebieten. Die Publizistin ist Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels (2016)

Bildnachweis:
Sebastian Bolesch, 2011

Der Autor

Knut Kuckel

Journalist (Radiojournalismus). Berufliche Stationen: Belgischer Rundfunk (BRF), Südwestrundfunk, SWR, Hessischer Rundfunk (hr).
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