Wie viel Vertrauensverlust können sich die Medien noch leisten? Wie ist es um die Qualität des Journalismus wirklich bestellt? Sind Journalisten von oben gesteuert?

Michael Steinbrecher und Günther Rager (Hg.) gehen im vorliegenden Buch gemeinsam mit jungen Journalisten der TU Dortmund diesen und anderen Fragen nach.

Sie liefern Fakten zum Verhältnis von Pluralität und Rudel-Journalismus, untersuchen die Berichterstattung zum Thema Rechtsradikalismus und zeigen Wege, wie der Journalismus im digitalen Zeitalter aus der Glaubwürdigkeitskrise finden kann.

Vor allem seit Beginn der Pegida-Demonstrationen taucht immer wieder der Vorwurf der Lügenpresse an die etablierten Medien auf. Auch die aktuelle Fake-News-Debatte verweist auf die Glaubwürdigkeitskrise der etablierten Medien und wird von beiden Seiten erstaunlich hysterisch und emotional geführt. Doch was ist der Kern dieses Vorwurfs?

All diese Fragen kann das Buch von Michael Steinbrecher und Günther Rager nicht beantworten. „Wir erleben eine Zeit für Pioniere“, sagen die Herausgeber. „Kaum etwas scheint in dieser Medienwelt noch so, wie es für die letzte Generation selbstverständlich war. Neue Darstellungsformen entstehen. Immer wieder neue Wege, sich mitzuteilen. Sich auszutauschen. Es ist die Zeit der Experimente.“

Die Autorinnen und Autoren sind ausgebildete Journalistinnen und Journalisten mit Praxiserfahrung:

Bei Elisabeth Thobe ist die Leidenschaft für den Beruf spürbar, aber auch die Wut auf diejenigen, die Entwicklungen verschlafen haben oder weiter ignorieren. Wo sieht sie den Journalismus heute? Was ist seine Kernaufgabe? Wie reagiert sie auf Kritik am Journalismus, selbst aus dem engsten Familienkreis?

Gelobt und mit Preisen ausgezeichnet wurden in den letzten Jahren häufig Journalistinnen und Journalisten, die »Haltung« gezeigt hatten. Jana Fischer fragt sich, was hinter diesem Begriff steckt. Was unterscheidet »Haltung« von »Meinung«?

Thilo Braun spannt einen weiten zeitgeschichtlichen Bogen. In seinem Text »Marktgeschrei auf der Agora« drehen wir die Diskussion über das journalistische Selbstverständnis noch einmal weiter: Facebook ist für jeden Verlag, für jeden TV-Sender und für jeden freien Journalisten ein Thema. Die Entwicklung oder Optimierung einer Social-Media-Strategie steht bei vielen Medienmachern ganz oben auf der Prioritätenliste.

Julian Beyer befasst sich mit der Selbstkritik, die zur Selbstreflexion dazugehört. Sie wurde allerdings aus ökonomischen Gründen in den traditionellen Medien mehr und mehr zurückgefahren. Wachsame Laien springen ein. Diese Laien sind aber teilweise auch einer neuen Form des professionellen Onlinejournalismus zuzuordnen.

Rebecca Hameister thematisiert den Kern des Schmähworts »Lügenpresse«. Sie kategorisiert die Kritikpunkte am Journalismus und listet konkrete Berichterstattungsbeispiele aus konservativen und rechten Publikationen auf.

Vanessa Martella weitet noch einmal die Perspektive. Wofür steht der Begriff »Lügenpresse« überhaupt?

Maximilian Ernst bleibt beim Thema »Lügenpresse«, führt uns aber wieder zurück in die heutige Zeit. Schon 2016 wurde intensiv darüber diskutiert, ob Tabubrüche zum Kampf um Aufmerksamkeit gehören.

Jens Rospek wechselt die Perspektive. Er reflektiert die Berichterstattung über rechte Gruppierungen, nicht ohne die Bedeutungen von Begriffen wie »Populismus«, »rechtspopulistisch«, »rechtsextrem« oder »rechtsradikal« zu differenzieren, die nicht nur in den Medien häufig unreflektiert verwendet werden.

Noch grundsätzlicher steigen Jan Reckweg und Nadia Gering in das Thema ein und greifen den Vorwurf auf, die Medien seien von oben gesteuert. Wie nah sind Journalistinnen und Journalisten den politischen und ökonomischen Machtzentren wirklich?

Florian Zintl wirft Schlaglichter auf die parallel stattfindenden Entwicklungen, gewichtet sie und kommt zu Einschätzungen von Chancen und Risiken des neuen Medienzeitalters. Er spürt Inspirationen für den Journalismus von morgen auf.

Im Kampf um Aufmerksamkeit in dieser schnellen und facettenreichen Medienwelt ist zudem ein Trend zu Skandalisierung und Boulevardisierung festzustellen.

Diesen Trend kritisiert Veronika Prokhorova deutlich. Sie macht am Beispiel Donald Trump fest, dass deutsche Medien weit davon entfernt waren, sachlich über den amerikanischen Wahlkampf zu berichten. Ihr Text ist auch ein Plädoyer für die Wertschätzung guter Recherche als einem Weg, Vertrauen zurückzugewinnen.

Linda Pustlauk-Zuber ergänzt den Blick in die Zukunft um die gesellschaftliche Perspektive, spitzt die Entwicklungen bei den (technischen) Manipulationsmöglichkeiten im Datenzeitalter zu und entwirft ein weitgehend düsteres, aber nicht unrealistisches Gemälde einer Welt, in der jeder bis zur kompletten Kontrolle transparent ist.

Was genau bedeutet mehr Transparenz? Und welcher Aufwand steckt dahinter?

Marieluise Denecke macht das am Beispiel der ZDF-Journalistin Dunja Hayali deutlich. Diese wurde für ihren offenen Umgang mit Kritikern ausgezeichnet.

Den Abschluss des Buchs macht Victor Fritzen. Er greift viele der Themen noch einmal auf und schlägt die Brücke zum Anfang des Buches. Was bedeutet all das, was wir nun diskutiert haben, für das Selbstverständnis von Journalistinnen und Journalisten? Und er fragt: Sind wir die Guten?

Das Buch sollte ursprünglich den Titel „Alles nur Lügenpresse?  Journalismus auf dem Prüfstand“ tragen. Die Autoren haben sich anders entschieden.  „Warum denen, die das Schlagwort »Lügenpresse« als Mittel  zur Denunziation eines Berufsstands benutzen, noch in die  Hände spielen? Warum einen nicht zutreffenden Begriff mit einer  dunklen Vergangenheit – auch darum wird es in diesem Buch gehen  – noch mehr als bisher im alltäglichen Sprachgebrauch etablieren?“

Michael Steinbrecher: „Wir glauben an eine Zukunft des Journalismus, der sich im Dialog mit den Usern, Lesern, Zuschauern und Hörern den Kriterien journalistischer Qualität verschreibt. Der aktuell berichtet, sich aber auch an Dimensionen wie Richtigkeit und Relevanz orientiert. Der sich an professionellen, heute auch dialogischen Vermittlungsansprüchen misst. Und der seine Berichterstattung an ethische Maßstäbe knüpft.“

Michael Steinbrecher, Foto: Westend VerlagMichael Steinbrecher
Michael Steinbrecher ist TV-Journalist, Grimme- Preisträger, Moderator der gesellschaftspolitischen Talkshow „Nachtcafé“ im SWR und seit 2009 Professor für Fernseh- und crossmedialen Journalismus an der TU Dortmund. Als Autor wurde er 2015 für seine Publikation „Update – warum die Datenrevolution uns alle betrifft“ auf der Frankfurter Buchmesse mit dem renommierten „GetAbstract International Book Award“ ausgezeichnet.ac.

Günther Rager, Foto: Westend VerlagGünther Rager
Prof. Dr. Günther Rager war Professor am Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund. Schwerpunkte seiner Arbeit waren Leserschaftsforschung, Fragen journalistischer Qualität und Redaktionsorganisation.

 
Michael Steinbrecher | Günther Rager (Hg): Meinung Macht Manipulation – Journalismus auf dem Prüfstand, Westend VerlagSachbuch:
Meinung Macht Manipulation. Journalismus auf dem Prüfstand.
Michael Steinbrecher, Günther Rager (HG.)
Westend Verlag, Frankfurt am Main, Erscheinungsdatum: 1. März 2017
ISBN: 9783864891656. 240 Seiten.

Knut Kuckel

Journalist (Radiojournalismus). Berufliche Stationen: Belgischer Rundfunk (BRF), Südwestrundfunk, SWR, Hessischer Rundfunk (hr).
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